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2001-09-17 09:36:17

Wenn Studenten Nachhilfe nehmen



Die Bildung an deutschen Universitäten ist frei und kostenlos. Dennoch sind immer mehr Studenten bereit, an Kommilitonen und professionelle Nachhilfeinstitute Geld für die Prüfungsvorbereitung zu zahlen.

An den Schwarzen Brettern vieler Hochschulen konkurrieren zahlreiche Angebote um angehende Akademiker, die vor Seminarklausuren oder Examen stehen. Dazu zählen etwa kommerzielle Jura-Repetitoren wie Alpmann und Schmidt in Münster oder Hemmer in Würzburg.

Nach deren Angaben besuchen etwa neun von zehn Jurastudenten vor ihren Examensprüfungen einen kostenpflichtigen Wiederholungskurs. Beide Repetitoren unterhalten jeweils mehr als 40 Standorte in ganz Deutschland. Auch Jan Sötebier, Jurastudent an der Universität Münster, hat ein Jahr lang in einer Gruppe von 15 Studierenden unter Anleitung den Prüfungsstoff wiederholt. Dafür hat der Student rund 4200 Mark bezahlt.

«Es gibt zwar auch einen Repetitoriumskurs an der Universität», erläutert der 25-Jährige. «Bei vielen Professoren lernt man aber nur bedingt, das abstrakte Wissen auf Rechtsfälle anzuwenden. Gerade das wird aber in den Prüfungen gefordert.» Der Hauptgrund, den Kurs zu besuchen, sei der «didaktisch bessere» Unterricht beim kommerziellen Anbieter. Der umfangreiche Lernstoff werde hier durch die Dozenten vorbereitet und für die angehenden Juristen in Lernblöcke eingeteilt: «Beim privaten Repetitor fühlt man sich an die Hand genommen.»

Ein Großteil der Studenten nimmt aus psychologischen Gründen an den kostenpflichtigen Kursen teil, sagt Dirk Ehlers, Professor für öffentliches Recht an der Universität Münster. «Viele Studenten können sich besser zum Lernen motivieren, wenn sie dafür bezahlen müssen.» Den privaten Repetitorien steht der Professor jedoch kritisch gegenüber, obwohl viele der kommerziellen Angebote nicht schlecht seien: «Trotzdem ist das natürlich ein Geschäft mit der Prüfungsangst.»

Prüfungsangst hatte auch Claudia Büscher. Die 28-Jährige hat im März das Zweite Staatsexamen ihres Medizinstudiums abgeschlossen. Zur Vorbereitung besuchte sie deshalb einen sechswöchigen Vertiefungskurs des Unternehmens Medi-Learn in Marburg. Das Physikum, das medizinische Vordiplom, und das Erste Staatsexamen hatte die Studentin beim ersten Versuch nicht bestanden. «Deshalb wollte ich mir in der Vorbereitung dieses Mal zusätzliche Sicherheit schaffen.»

Außerdem wollte sie nicht an der falschen Stelle sparen: «Die Note im Zweiten Staatsexamen macht zwei Drittel der Abschlussnote aus. Und mit der muss ich mich schließlich nach dem Studium bewerben», sagt Büscher. Thomas Brockfeld, Geschäftsführer bei Medi-Learn, zufolge nehmen jedes Jahr zwischen 400 und 500 Studenten an den Kursen teil. Die Kosten betragen je nach Dauer und Prüfungsstoff zwischen 1050 und 4400 Mark.

Kurse werden aber nicht nur für die Vorbereitung der Abschlussprüfungen angeboten. Auch für Klausuren und Seminararbeiten in niedrigeren Semestern kann man sich bei den Repetitorien fit machen lassen. Das muss jedoch nicht immer mehrere tausend Mark kosten: Elisabeth Jaumann, Psychologiestudentin im vierten Semester an der Universität Würzburg, muss unter anderem zwei Klausuren in Statistik bestehen. Dafür hat die 22-Jährige wie viele ihrer Kommilitonen einige Monate lang Nachhilfe bei einem ehemaligen Psychologiestudenten genommen - für 20 Mark pro Stunde.

Den Stoff allein vorzubereiten sei sehr schwer, so Jaumann. Begleitend zu den Lehrveranstaltungen werde zwar ein Tutorium angeboten. Hier könnten Studenten Fragen zum Stoff stellen. Diese Übungsstunde sei aber immer so überfüllt, dass für die eigentliche Arbeit keine Zeit bleibe. «Wir waren immer so um die 80 Teilnehmer. Deshalb konnte der Tutor nur die Ergebnisse der Übungen auf den Tageslichtprojektor legen.»

Überfüllte Seminarräume sind in den juristischen Repetitorien an der Universität Münster dagegen kein Problem. Hier bleiben die meisten Stühle sogar frei. Professor Dirk Ehlers ist ratlos angesichts der leeren Reihen. «Ich sehe das auch ein wenig als unser Versagen an.» Doch mehr, als sich Mühe zu geben, könne man auch nicht. Schließlich seien die Professoren ja Fachleute auf ihrem Gebiet. «Und sie nehmen ja letztlich die Prüfungen ab - nicht die privaten Repetitoren.»

Angehenden Juristen rät Ehlers deshalb, zu prüfen, welches Repetitorium zu ihnen passt. Auch im Wiederholungskurs an der Universität würden alle für das Examen wichtigen Lehrinhalte aufgearbeitet. Die Prüfungsvorbereitung sollten Studierende zudem arbeitsteilig planen: Es sei sinnvoll, den umfangreichen Stoff und seine Anwendung in Arbeitsgemeinschaften von zwei oder drei Personen zu lernen. Dabei könne ein Student jeweils ein Thema genauer vorbereiten und die anderen dann an seinem Expertenwissen teilhaben lassen. Das Repetitorium solle lediglich begleitend der Vertiefung dienen.

Literatur: Achim Berge, Christian Rath und Friederike Wapler: Examen ohne Repetitor. Leitfaden für eine selbstbestimmte Examensvorbereitung, Nomos Verlag, ISBN 3-7890-6435-1, 20 Mark.


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