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2001-07-17 09:48:37

Die Hauptschule behauptet sich



Früher hieß die Hauptschule noch Volksschule und verstand als Bildungseinrichtung für die breite Mehrheit aller Schüler. Nun hat der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt einen Run auf höhere Bildungsabschlüsse ausgelöst. Doch die Hauptschulen wehren sich gegen das Image des Schmuddelkinds in der Bildungspolitik.

«Dass es immer weniger Hauptschüler geben wird, ist jedenfalls falsch», sagt Karl Spelberg, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin. «So haben 1999 bundesweit 239 000 Schüler einen Hauptschulabschluss gemacht, im Jahr 2006 werden es 247 000 sein.» Im vergangen Schuljahr besuchten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden insgesamt rund 1 104 000 Jugendliche eine Hauptschule.

Die großen Verschiebungen innerhalb der Schulformen haben nach Spelbergs Beobachtung bereits in den siebziger und achtziger Jahren stattgefunden. «Mittlerweile tut sich da eher wenig.» Der Anteil der Hauptschüler hat sich zumindest in Westdeutschland auf 30 Prozent eines Jahrgangs eingependelt. In Ostdeutschland spielt die Hauptschule auf Grund der abweichenden Schulformen insgesamt eine geringere Rolle.

Gegen die Formulierung von der «Hauptschule als Restschule», in der sich sammelt, was anderswo nicht unterkommt, wehrt sich deswegen auch Hans-Jürgen Brackmann von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Berlin und Vorsitzender der Initiative Hauptschule, einem Zusammenschluss von mittlerweile rund 30 Organisationen.

Die Hauptschule, für manche Eltern das Schlimmste, was ihrem Kind passieren kann, ist nach Brackmanns Einschätzung «kein hoffnungsloser Fall». Zwar gebe es Probleme, gerade in sozialen Brennpunkten und in Schulen mit hohem Ausländeranteil. «Aber wir sehen Anzeichen für einen Imagewandel. Die Hauptschule bekommt wieder Rückenwind.» Damit Hauptschüler nach dem Schulabschluss bessere Karten beim Berufseinstieg haben, macht sich die Initiative Hauptschule besonders für engere Kontakte zwischen Schulen und Unternehmen stark: «Wir werben dafür, dass sich Schulen Kooperationspartner in der Wirtschaft suchen.»

Denn die vielfach noch üblichen zwei Wochen kurzen Schnupper-Praktika seien keinesfalls ausreichend. Sinnvoller sei, wenn die Schüler über ein ganzes Jahr jeweils einen Tag pro Woche in dem Betrieb mitarbeiten könnten. Gerade Hauptschüler bräuchten die Praxisorientierung, sagt Brackmann und sollten schon vor dem Schulabschluss möglichst viel Gelegenheit bekommen, Betriebe kennen zu lernen. Für die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz könne das nur von Vorteil sein: «Wenn das Unternehmen eine bestimmte Hauptschule schon gut kennt, gibt es auch keine Berührungsängste mehr.»

Einen positiven Trend für die Hauptschule sieht auch Josef Kraus, selbst Rektor eines Gymnasiums in Vilsbiburg (Bayern) und Präsident des Deutschen Lehrerverbands in Bonn, der sich gleichfalls in der Initiative Hauptschule engagiert. «Die Hauptschule war der Verlierer der Bildungsreform der siebziger Jahre, aber das hat sich konsolidiert.» In Bayern etwa liege der Anteil der Hauptschüler bei 40 Prozent eines Jahrgangs. «Und die kommen nach der Schule auch alle unter.» Entscheidend sei allerdings die Wirtschaftslage: Wo die Arbeitsplatzchancen insgesamt gut seien, hätten auch Hauptschüler ihre Chancen.

Die Einstellung «Hauptschüler nehmen wir nicht», die in den achtziger Jahren bei vielen Unternehmen zu beobachten gewesen sei, spiele keine so große Rolle mehr. Neben dem Druck des Arbeitsmarktes gibt es aber nach wie vor den der Eltern: «Die erwarten von ihren Kindern mindestens den Schulabschluss, den sie selbst hatten, möglichst aber einen höheren», sagt Kraus. Und je weniger Kinder es pro Familie gibt, umso größer sind die Erwartungen an den einzelnen Schüler.

Die Initiative Hauptschule hat sich zum Ziel gesetzt, der Schulform auch einmal positive Schlagzeilen zu verschaffen. Ein Beitrag dazu ist der Hauptschulpreis, der erstmals 1999 vergeben wurde. Am diesjährigen Wettbewerb, der Beispiele von Eigeninitiative gewürdigt hat, wurden 36 Schulen ausgezeichnet - mit einem Preisgeld der Hertie-Stiftung in Frankfurt von insgesamt 120 000 Mark. Den Hauptpreis konnten die Schüler der Hauptschule aus dem bayerischen Taufkirchen Anfang Mai im Schloss Bellevue in Berlin entgegennehmen - aus der Hand von Bundespräsident Johannes Rau.

Alles eitel Sonnenschein also? «Gerade in vielen Großstädten ist die Hauptschule zur Problemschule geworden», sagt Karl Spelberg. Und in der Ausbildung haben Hauptschüler oft Probleme, gerade im theoretischen Teil der Prüfungen. In den Metall- und Elektroberufen etwa seien die Anforderungen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die anstehende Neuordnung dieser so genannten M- und E-Berufe werde das Problem noch verstärken.

Hinzu komme, dass in vielen Berufen inzwischen auch Internetkenntnisse und zumindest fachbezogenes Englisch gebraucht würden. Hauptschüler haben es also auch künftig nicht leicht. «Aber es ist falsch zu sagen, mit dem Hauptschulabschluss kann man nichts anfangen», sagt Spelberg. «Nach der Lehre kann auch ein Hauptschüler den Meister machen. Und in Niedersachsen kann man danach sogar studieren.»

Informationen: Im Internet unter http://www.ghst.de und http://www.lehrerverband de.


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© 2001 Deutsche Presse Agentur (dpa)

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