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2001-11-12 09:31:25

Schnelleres Lesen lässt sich lernen



Windeck/Sieg (gms) - Lesen ist für viele Schwerstarbeit. Anwälte oder Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Ingenieure - sie alle müssen täglich große Datenberge bewältigen. Stefan Weißflog etwa ist Unternehmensberater in Düsseldorf. Der 37-Jährige bekommt jeden Tag 30 E-Mails und bis zu 500 Seiten Dokumentationen auf den Tisch.

Er muss sich über Märkte, Firmengeschichte und Produktionsweisen erkundigen: «Gerade in der Anfangsphase eines Projekts muss ich viel Lesestoff in kurzer Zeit bewältigen», sagt Weißflog. Zielgerichtetes Lesen ist für ihn daher wichtig.

Bestimmte Techniken erleichtern und beschleunigen das Lesen. Unternehmensberater Weißflog bekam Hilfestellungen dazu in einem Lesetraining. «Die Nachfrage nach solchen Schnell-Lese-Programmen steigt», sagt Bodo Franzmann, der bei der Stiftung Lesen in Mainz für Leseforschung zuständig ist. Das liegt auch daran, dass sich das Volumen der zur Verfügung stehenden Informationen alle zehn Jahre verdoppelt. Viele müssten daher beruflich mehr lesen als sie in normalem Tempo schaffen können, so Franzmann weiter.

Bodo Franzmann zufolge kosten die Trainings oft 10 000 Mark (rund 5100 Euro) oder mehr. Ihr Nutzen ist hingegen bisweilen fraglich, denn die Lesegeschwindigkeit lässt sich nicht ins Unendliche steigern. Bei Anbietern, die verkünden, man könne nachher die Bibel in drei Stunden durchlesen, sei deshalb Skepsis angebracht, warnt Rotraut Hake-Michelmann. «Angebote, die eine hundert- bis dreihundertfache Steigerung der Lesegeschwindigkeit versprechen, sind unseriös», ergänzt Walter Uwe Michelmann. Beide beschäftigen sich seit mehr als 20 Jahren mit der Lesebeschleunigung und sind Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für berufliches Lesen in Windeck an der Sieg in Nordrhein-Westfalen.

Den beiden Leseforschern zufolge liegt das normale Lesetempo bei etwa 240 Wörtern pro Minute, dem Umfang einer Taschenbuchseite. Ein Lesetraining kann die Aufnahmegeschwindigkeit verdoppeln. Die Erhöhung auf das Dreifache ist ebenfalls möglich. Das bestätigt auch Klaus Marwitz, der in seinem Institut für Kommunikation und Zeitdesign in Bonn das so genannte Alphareading lehrt. Dabei löst sich der Leser von einzelnen Wörtern, schaut auf Sätze, Absätze oder ganze Seiten. Indem größere Partien fokussiert werden, verschafft sich der Leser schneller einen Überblick über den gesamten Text.

Bei diesem Flächenlesen tritt die Kernaussage des Textes in den Vordergrund. Anschließend kehrt der Leser zurück zu bestimmten Abschnitten, um wichtige Inhalte genauer zu studieren. «Das ist wie ein Gang durch die Natur», erklärt der Lesetrainer. «Ich schaue voraus, blicke dann aber wieder auf den Boden vor mir, um meinen Weg im Blick zu haben.» Voraussetzung für diese Technik ist ein Leseziel.

Auch Stefan Weißflog geht es am Arbeitsplatz darum, sich schnell systematisch einen Überblick über einen Text zu verschaffen. Aber sein Lesetraining folgte einer anderen Methode. Weißflog hat gelernt, mit dem Auge größere Textpartien zu erfassen, ohne sie Wort für Wort durchzulesen. Statt dessen fährt er mit dem Zeigefinger über den Text, setzt ihn als Suchgerät für Schlüsselwörter ein. In Kombination mit weiteren Techniken ist es laut dem Ehepaar Michelmann für trainierte Leser so möglich, sich in 75 Sekunden einen Überblick über 150 Seiten Text verschaffen - egal ob auf Papier oder am Bildschirm.

Die Navigationshilfe zum schnellen Blättern erhöht außerdem die Kontrolle des Gelesenen. Für Stefan Weißflog ist das von besonderer Bedeutung. Das schnelle Lesen allein hilft ihm im Büro nicht weiter. «Ich wollte auch wissen, wie ich das Gelesene festhalte.» Dafür hat sich das Lesetraining gelohnt. «Mein Lesen ist strukturierter und zielgerichteter geworden», sagt Weißflog. «Ich kann mir jetzt schneller einen Überblick über das Wesentliche verschaffen, weil ich die relevanten Textstellen schneller finde.»

Wer schnell lesen will, sollte auch sein Arbeitsumfeld überprüfen. «Man braucht ordentliches Licht», sagt Walter Uwe Michelmann. Das Lesen bei Kerzenschein vermindere die Lesegeschwindigkeit. Michelmann empfiehlt daher: «Kämpfen Sie um Ihren Arbeitsplatz am Fenster!» Auch regelmäßige Pausen und frische Luft seien wichtig, fügt seine Frau hinzu. Eine bequeme Haltung erhöhe ebenfalls die Aufmerksamkeit. Straßenlärm und Musik seien der Konzentration abträglich. Ferner gelte für das schnelle Lesen ein bekannter Lehrsatz: Übung macht den Meister. «Viel lesen macht schnell», sagt Rotraut Hake-Michelmann.

Literatur: Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann: TurboLesen: Lesebeschleunigung im Beruf. Das Trainingsbuch. Falken Verlag (ISBN 3-8068-2622-6), 19,90 Mark (10,18 Euro); Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann: Effizient und schneller lesen. Rowohlt Taschenbuch (ISBN 3-499-60330-6), 16,90 Mark (8,65 Euro).


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