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2003-05-13 15:15:11

Stotterer haben es in der Schule schwer



Hannover - Mandy wird rot und bekommt schweißige Hände: «R - R - R -». Wie die Hauptstadt von Marokko heißt, hatte der Lehrer gefragt. Doch die Antwort «Rabat» hört er schon gar nicht mehr. «Tja, du weißt es mal wieder nicht», kommentiert er Schulter zuckend. Dabei hätte Mandy nur ein bisschen mehr Zeit gebraucht. Sie stottert.

Die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe startete am 12. Mai in Hannover mit einer Info-Tour durch mehrere Städte. Als Beitrag zum «Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen» werben Mitglieder in Schulen um Verständnis für Betroffene. Rund ein Prozent aller Menschen in Deutschland stottern, schätzt die Geschäftsführerin der Vereinigung, Ruth Heap. «Gerade in der Schule haben Betroffene es schwer. Mitschüler und Lehrer wissen oft nicht, wie sie mit stotternden Kindern umgehen sollen, und machen es deshalb falsch.»

Bernhard aus Frankfurt hat selbst solche Erfahrungen gemacht. «Obwohl mein Lehrer wusste, dass ich stottere, hat er mir für ein Referat eine schlechte Note gegeben. Er unterstellte mir, ich hätte nicht genügend geübt», erzählt der 24-Jährige seinen Zuhörern, den Schülern der sechsten Klasse der Integrierten Gesamtschule (IGS) Hannover-Mühlenberg.

Stefan aus Leipzig hat sich früher aus Angst kaum am Unterricht beteiligt. «Wenn ich etwas sagen musste, wurde mir heiß und kalt, mein Herz begann zu rasen.» Inzwischen hat der 30-Jährige sein Stottern recht gut unter Kontrolle. «Aber das war ein hartes Stück Arbeit», sagt er. «Man muss sich wie bei einem Stufenplan immer neue Ziele setzen - und so ein Auftritt wie dieser hier ist ein solches Ziel.»

Trotz vieler Forschungen sind die Ursachen für die Sprechbehinderung bis heute nicht grundsätzlich geklärt. «Darum gibt es auch keine allgemein wirksame Therapie dagegen», sagt Heap. Manchmal sei eine Heilung oder zumindest Besserung möglich, manchmal nicht. Generell sei es am wichtigsten, dass Ängste abgebaut werden. «Man kann das Stottern nicht verlernen, aber man kann seine Angst zu stottern, verlernen und dadurch oft flüssiger sprechen.»

In der IGS Mühlenberg sind rund ein Dutzend Schüler Stotterer. «Sie sind im Unterricht meistens sehr zurückhaltend», sagt die Sonderschullehrerin für Sprachbehinderte an der IGS, Heide Freise. «Wir bemühen uns zwar um einen normalen Umgang mit ihnen, aber was auf dem Schulhof passiert, haben wir natürlich auch nicht immer im Blick.» Sarah (12) erinnert sich noch gut, dass eine stotternde Klassenkameradin anfangs oft gehänselt wurde. «Sie ist meine beste Freundin und mir macht es gar nichts aus, dass sie stottert», meint Sarah. Die meisten Mitschüler hätten das Mädchen inzwischen als «normal» akzeptiert - «aber manche lachen immer noch».

Wichtig sei es, offen mit Betroffenen über ihr Stottern zu sprechen, rät Heap. «Lehrer sollten das Problem nicht tot schweigen, sondern mit den jeweiligen Schülern überlegen, welche Lösungen es für bestimmte Situationen gibt.» So könnte ein stotternder Schüler dem Lehrer ein Gedicht in der Pause aufsagen, statt vor der gesamten Klasse. «Ein Referat könnte vielleicht zu Hause auf Tonband aufgenommen werden», schlägt Heap vor. «Weil Stottern eine anerkannte Behinderung ist, müssen und dürfen die Lehrer das bei den Noten für mündliche Leistungen berücksichtigen.»

www.stottern-und-schule.de


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