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2003-01-29 11:13:57

Im Osten fehlen viele Mediziner



Neukloster - Sie agieren ohne Netz und doppelten Boden, sagen die Landärzte im Osten. Da sei es kein Wunder, dass sich kein Nachwuchs findet und nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Ende dieses Jahrzehnts etwa 40 Prozent der Hausärzte in den neuen Ländern fehlen werden. «Landärzte finden sich gleich gar keine mehr», so ein KV-Sprecher in Schwerin.

Der Beruf lohne sich einfach nicht. Schon schwappe das Problem vom Land auf die Städte über. Allein in der Hansestadt Rostock könnten derzeit neun Praxen nicht wiederbesetzt werden. Auf Usedom arbeite ein einziger Arzt, eigentlich dürfte dort kein Urlauber krank werden, heißt es. Selbst Fachärzte würden rar.

Neukloster etwa hat keinen Kinderarzt mehr, so dass Landarzt Ronald Lemke auch Neugeborene behandelt, während seine älteste Patientin 101 Jahr zählt. «Selbst krank werden? Das kann ich mir gar nicht leisten!» Der 47-jährige Lemke ist einer von vier Hausärzten in der Kleinstadt bei Wismar. Mit seiner Frau Hannelore, die auch Allgemeinmedizinerin ist, betreibt er eine Gemeinschaftspraxis. Zusammen mit drei Schwestern betreut das Arztehepaar 2 800 «Stamm»-Patienten in Neukloster und den Dörfern ringsum. Die «Spontanbesucher» mitgerechnet, leisten sie täglich 150 bis 300 Behandlungen.

Zur 60-Stunden-Arbeitswoche kommen noch die Notdienste alle paar Nächte hinzu sowie Bereitschaft an fast jedem zweiten Wochenende, mehr als fünf Wochen Urlaub im Jahr sind nicht drin. «Eine längere Auszeit könnte den Ruin der Praxis bedeuten», sagt Frau Lemke. «Am schlimmsten ist der andauernde Druck, immer verantwortlich zu sein, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.»

Fachlich sei ein solcher Spagat kein Problem, hätten sie doch all diese Bereiche während des Studiums in Rostock gelernt, sagt Hannelore Lemke. Doch die Praxis würde immer voller. Nach der Statistik behandeln ostdeutsche Ärzte 15 Prozent mehr Patienten als ihre Westkollegen, und das mit zwei Angestellten weniger pro Praxis. Zugleich geben die Krankenkassen für die ambulante Versorgung ihrer Versicherten nicht mal 80 Prozent dessen aus, was in den alten Ländern zur Verfügung steht. Die Zahl der Ausbildungsplätze sinkt und letztlich auch das Honorar der Ärzte.

Beim Wort «Nullrunde» kann Ronald Lemke nur mit dem Kopf schütteln, denn de facto gebe es die seit Jahren und bedeute wegen höherer Aufwendungen ein sinkendes Einkommen. Egal, gejammert und auch gestreikt wird bei den Lemkes nicht, dazu bleibt keine Zeit. Um Linderung in der Notdienst-Misere zu schaffen, hat die KV Mecklenburg-Vorpommerns ein neues System eingeführt: In vergrößerten Bezirken lösen sich mehr Ärzte ab, nehmen damit aber auch längere Wege und die Patienten erhöhte Wartezeit in Kauf.

Mit hohen Schulden haben sie Lemkes 1991 niedergelassen. Die neu gebaute Praxis zahlen sie noch immer ab, doch immerhin brauchen sie nicht mehr auf Urlaub verzichten, um die Schwestern bezahlen zu können. Nie kämen sie auf den Gedanken, nach Skandinavien auszuwandern, so wie es manch junger Arzt mit Hilfe der «Mobilitätsförderung» vom Arbeitsamt tut. Doch auch die Lemkes würden derzeit ihrem Sohn, einem Medizinstudenten, nicht zur Übernahme der eigenen Praxis raten.


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