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2002-12-27 12:30:07

Studenten-Boom nur von kurzer Dauer



Berlin - Mit 1,945 Millionen jungen Menschen meldeten die Hochschulen einen neuen Einschreibrekord. Rund 358000 Erstesemester, etwa 13000 mehr als noch vor einem Jahr und fast 90000 mehr als Mitte der 90er Jahre, strömten in die Hörsäle, so die Rechnung des Statistischen Bundesamtes Doch dieser neue Studentenboom wird nicht lange anhalten.

Der Geburtenrückgang wird den Hochschulen in den nächsten Jahren einen drastischen Bewerbermangel bescheren. Die aktuelle Lust am Studium erklären sich Experten vor allem mit der Bafög-Reform und positiven Arbeitsmarktsignalen für Akademiker. Viele Ältere, deren Abitur schon ein paar Jahre zurückliege und die bislang vor einem Studium zurückgeschreckt seien, hätten sich jetzt eingeschrieben. Das neue Bafög wird so sehr nachgefragt, dass dafür noch für dieses Jahr 43 Millionen Euro gegenüber dem ursprünglichen Haushaltsansatz des Bundes nachbewilligt werden mussten.

Stolz meldet denn nun auch SPD-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, dass die deutsche Studierquote im Vergleich zum entsprechenden Altersjahrgang von 28 Prozent (1998) auf nunmehr 37,5 Prozent angestiegen ist und sich endlich dem Schnitt anderer Industrienationen nähert. Zudem möchte Bulmahn die Hochschulen noch weiter als bisher für besonders qualifizierte Absolventen einer beruflichen Lehre öffnen.

Denn das Anfänger-Potenzial mit herkömmlicher Studienberechtigung (Abitur oder FH- Reife) ist nahezu ausgeschöpft und kaum ein Bundesland macht derzeit Anstalten, tatsächlich mehr junge Menschen zur Hochschulreife zu führen. Nach dem jüngsten OECD- Bildungsbericht erwerben in Deutschland 37 Prozent eines Jahrganges die Studienberechtigung. Im Schnitt der anderen Industriestaaten sind dies inzwischen 64 Prozent. Nicht nur die OECD-Experten, auch andere Bildungsforscher sehen vor diesem Hintergrund für Deutschland einen erheblichen Mangel an akademisch ausgebildeten Fachkräften voraus.

Wie sich zugleich die demographische Entwicklung in den nächsten 20 Jahren auf die Studienanfängerzahlen auswirken wird, zeigt ein Beispiel: Derzeit gibt es in Deutschland rund 970000 junge Menschen im Alter von 20 bis 21 Jahren. Im Jahr 2000 wurden weniger als 770 000 Geburten registriert. Die Tendenz ist weiter fallend, besonders in den neuen Bundesländern.

Bulmahn erhofft sich durch mehr frühere Förderung der Kleinen und mehr Ganztagsschulen künftig mehr und auch bessere für das Studium qualifizierte Abiturienten. Gleichzeitig soll alles vermieden werden, was junge Menschen vom Studium abschrecken könnte, wie etwa die Einführung von Studiengebühren.

Doch die Landeskabinette in Bayern und Baden-Württemberg haben in diesen Tagen beschlossen, gegen das von Rot-Grün im Bundestag beschlossene bundesweite Gebührenverbot im Erststudium mit einer Verfassungsklage vorzugehen. Sie sehen darin einen Eingriff in ihre Länderhoheit, während der Bund sich auf den Verfassungsauftrag beruft, bundesweit für gleiche Lebenschancen zu sorgen.

Aber auch um andere bildungspolitische Weichenstellungen wird derzeit noch heftig zwischen Bund und Ländern gestritten. So haben mehrere unionsgeführte Länder in Karlsruhe Verfassungsklage gegen das neue Hochschuldienstrecht eingereicht. Sie wollen neben der neuen Juniorprofessur als Qualifizierung für den Professorenberuf auch die herkömmliche Habilitation erhalten, die es außer in Deutschland nur noch in Österreich gibt. Aber auch dort gibt es Bemühungen, diese zeitaufwendige und als «alten Zopf» angesehene Prüfung für den Hochschullehrerberuf abzuschaffen.


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