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2002-12-04 12:38:05

Bergwerkskurs für Führungsqualitäten



Freiberg - Keuchend stehen die mit grober Bergmannskluft bekleideten Studenten im Halbkreis und mustern die feuchten Steinwände. Sie müssen ein Podest in fünf Metern Höhe erreichen. «Wir wollen mit diesem Lehrgang Denkprozesse anstoßen, wie man unbekannte Situationen meistern kann», erklärt Bernd Wilhelm, der Leiter des Universitätssportzentrums an der Bergakademie Freiberg.

Seit Beginn des Herbstsemesters betreut er gemeinsam mit Kollegen aus den Bereichen Sport und Geowissenschaften den Kurs «Umgang mit unbekannten Situationen - Entwicklung berufsbezogener Persönlichkeitseigenschaften». Ein Mal pro Woche fahren die Hochschulmitarbeiter mit zehn Studenten in das Lehr- und Besucherbergwerk «Himmelfahrt Fundgrube» ein, um 90 Meter untertage mit den angehenden Wirtschaftswissenschaftlern, Geologen und Maschinenbauern zu trainieren.

Während der jeweils drei- bis vierstündigen Tour in den Tiefen des Jahrhunderte alten Bergwerks müssen die Studenten verschiedene Herausforderungen meistern. Sie sollen dabei Teamgeist entwickeln sowie Leistungs- und Risikobereitschaft schulen. Um zum Beispiel das fünf Meter hohe Podest zu erreichen, müssten sich die Studenten gegenseitig stützen und über eine «Räuberleiter» nach oben klettern, sagt Wilhelm. «Da merkt man, was es heißt, sich auf den anderen zu verlassen.»

Auch einen Menschen durch die schmalen Gänge zu führen, dem Augen und Ohren verbunden wurden, erweist sich als knifflige Aufgabe. Schon einzeln muss jeder Acht geben, dass er sich tief genug duckt, um nicht mit dem Helm an der Decke entlang zu schürfen oder um sich nicht an den wahrlich engen Passagen zu stoßen. «Man fühlt sich irgendwie hilflos, wenn man geführt wird, man läuft durch den Gang, irgendwann eckt man an», beschreibt Geophysik-Student Andreas Petzold die soeben gemachte Erfahrung. «Wenn man aber selbst führt, empfindet man das als viel schlimmer, da man für den Hintermann verantwortlich ist.»

«Allein ist man hier unten nichts», sagt Manfred Bayer, der als Grubenbetriebsleiter des Lehrbergwerks die Seminare mitbetreut. Genau dieses Gespür für Teamgeist solle den Studenten vermittelt werden.

Denn gerade Führungsqualitäten werden im Berufsleben immer wichtiger. «Die Studenten scheitern beim Einstieg in den Job nicht an mangelnder Ausbildung, sondern an fehlenden Persönlichkeitseigenschaften, so genannten soft skills», sagt Sportlehrer Wilhelm. Große Firmen würden für die Weiterbildung ihrer Führungskräfte viel Geld ausgeben. «Wir können mit unserem Kursangebot dazu schon während des Studiums einen wichtigen Beitrag leisten, mit dem unsere Studenten bei der Bewerbung später Pluspunkte sammeln.» Der Kurs wird daher auch entsprechend auf dem Zeugnis gewürdigt.

Wie jeder der zehn Studenten, die im Herbstsemester den Kurs belegten, hat auch Marit Wolf konkrete Vorstellungen, was sie mit dem doch recht anstrengenden Training erreichen will. «Ich will wissen, wo meine Grenzen sind, physisch und psychisch», sagt die Umwelt- Engineering-Studentin. «Wenn ich im Beruf mal vor einer Wand stehe, will ich sagen können: Es gibt eine Lösung, ich muss nur sehen, wie ich´s mache und mit wem!»


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