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2002-10-29 11:20:19

Hebamme bringt viele Kinder zur Welt



Schwäbisch Gmünd (/) - In bestimmten Momenten ist es von großem Vorteil, den richtigen Beruf erlernt zu haben. Etwa, wenn man wie die Hebamme Brigit Laue zufällig gerade in einem Aufzug fährt, als einer Schwangeren die Fruchtblase platzt. «Es ging alles sehr schnell. Die Männer mussten sich umdrehen, die Frau hatte eine Sturzgeburt.

Zum Abnabeln gab uns einer der Männer seinen Schnürsenkel», erinnert sich Laue. Freilich ist der Alltag einer Hebamme nicht immer so aufregend. Aber etwas Besonderes ist der Beruf doch, findet Laue. Die 43-Jährige ist seit 20 Jahren Hebamme, seit sechs Jahren ist sie allerdings nicht mehr aktiv. «Der Beruf ist anstrengend. Als Freiberufler wird man ständig nachts angerufen. Außerdem muss man sich bei der Arbeit viel bücken. Körperlich ist das kein Zuckerschlecken.»

Laue hatte Hüftprobleme und entschied sich vor acht Jahren, eine Ausbildung zur Hebammenlehrerin zu machen. Danach ging sie nach Schwäbisch Gmünd zur Weleda AG, wo sie Berufskolleginnen berät, Bücher schreibt und die nach ihren Angaben bundesweit größte jährlich stattfindende Hebammenfachtagung organisiert. Zur 10. Fachtagung werden am 2. und 3. November 800 Hebammen in Schwäbisch Gmünd erwartet.

Obwohl die schwere Arbeit ihr ein künstliches Hüftgelenk beschert hat, bereut Laue nicht, Hebamme zu sein. «Für mich ist das der schönste Beruf. Man ist dem Himmel immer ein Stückchen näher, wenn man bei einem Neugeborenen als erster Mensch Hand anlegt. Das ist jedes Mal ein Geschenk.»

Ursprünglich hatte Laue Arzthelferin gelernt. Dabei war sie in der Gynäkologie bei Geburten anwesend, bis sie eines Tages ein Schlüsselerlebnis hatte, eine Zwillingsfehlgeburt in der 27. Woche bei einer 20-Jährigen. «Die Atmosphäre der Sicherheit und Gelassenheit, die Hebamme und Arzt gemeinsam für diese werdende Mutter geschaffen haben; so viel Menschlichkeit trotz enormer Anspannung gingen mir sehr nahe», erinnert sie sich. Inzwischen hat sie 1786 Babys auf die Welt geholfen.

Laue schätzt die Zahl der Hebammen in Deutschland auf knapp 15 000. Männliche Kollegen, die Entbindungspfleger genannt würden, gebe es nur eine Hand voll. Wer Hebamme werden wolle, der müsse eine große Portion Idealismus mitbringen, sagt Laue. Hinzu komme körperliche Fitness und ein wacher Verstand, um die medizinische Ausbildung bestehen zu können. «In diesem Beruf begleitet man Menschen in ihr Leben. Deshalb braucht man die Bereitschaft, sein Gegenüber zu achten», sagt Laue. Alles andere könne man lernen.

Freiberufliche Hebammen sollten im Schnitt nicht mehr als 100 Babys pro Jahr zur Welt bringen. «Es geht um die ganzheitliche Betreuung von Mutter, Kind und Partner. Bei mehr Geburten kann man den Menschen nicht mehr gerecht werden.» Wichtig sei, dass die werdenden Mütter ihre Hebamme schon früh kennen lernen, möglichst in der sechsten oder siebten Schwangerschaftswoche. Nur so könne man durch Gespräche individuelle Rezepte erstellen. «Ich muss immer wissen, wen ich vor mir habe, und wie dieser Mensch und sein soziales Umfeld leben», sagt Laue.

Leider sei die Schwangerenvorsorge in Deutschland noch immer zu Arzt bezogen. «Viele wissen nicht, dass Hebammen per Gesetz Untersuchungen durchführen dürfen. Wir dürfen wiegen, die Kindlage feststellen, Herztöne aufzeichnen, Wehen messen und den Ernährungsplan erstellen.» In der Praxis würden die meisten Schwangeren die Hebamme erst bei der Geburtsvorbereitung kennen lernen, manche sogar erst ab Beginn des Mutterschutzes sechs Wochen vor der Geburt. Für eine optimale Schwangerschaftsbetreuung sei dies viel zu spät.


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