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2002-10-29 14:46:12

Zu wenig Akademiker in Deutschland



Berlin - Mit 19 Prozent pro Altersjahrgang erwerben in Deutschland immer noch zu wenig Menschen einen Hochschulabschluss. Dies geht aus dem neuen OECD-Bericht über die Bildungsentwicklung in den wichtigsten Industrienationen hervor. Im OECD-Schnitt sind es 26 Prozent.

In den Konkurrenzländern Deutschlands auf dem Weltmarkt, den USA, Japan, Großbritannien, aber auch in Finnland und Polen, schafft dagegen inzwischen mehr als jeder dritte junge Mensch einen Studienabschluss. In allen Industrienationen werde aber der Arbeitskräftebedarf an Hochschulabsolventen weiter zunehmen, sagte der Bildungsexperte der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher, am 29. Oktober in Berlin.

Selbst wenn man berücksichtige, dass in Deutschland anders als in anderen OECD-Staaten ein Teil der hoch qualifizierten Techniker und Meister über eine betriebliche Lehre ausgebildet werde, drohe der Bundesrepublik wegen der Zurückhaltung beim Studium absehbar ein Fachkräftemangel.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, SPD, kündigte weitere Anstrengungen an, den Hochschulbesuch attraktiver zu machen und die Studentenzahlen zu steigern. Nach der Bafög-Reform ist die Studienanfängerquote pro Altersjahrgang in Deutschland sprunghaft von 28 Prozent auf mehr als 32 Prozent im vergangenem Jahr angestiegen.

In allen wichtigen Industriestaaten können Hochschulabsolventen mit einem deutlich höheren Einkommen rechnen. Männliche Akademiker zwischen 30 und 44 Jahre verdienen dem Bericht zufolge im Schnitt 60 Prozent mehr als Beschäftigte ohne Studium. Bei den Frauen ist dies je nach Land etwas weniger. In Deutschland waren 2001 lediglich 3,4 Prozent der männlichen Hochschulabsolventen arbeitslos (OECD-Mittel 2,8 Prozent), dagegen aber 15,6 Prozent der Ungelernten (OECD-Mittel 8,9 Prozent).

Eindringlich warnte Bulmahn vor einer Studiengebühren-Debatte in Deutschland, um das gerade wieder entdeckte Interesse am Studium nicht zu beeinträchtigen. Wer nach dem Studium mehr verdiene, zahle im übrigen auch mehr Steuern.

Der OECD-Bildungsexperte geht allerdings davon aus, dass das Potenzial für mehr Studenten in Deutschland wegen der im internationalem Vergleich geringen Abiturientenzahl jetzt weitgehend ausgeschöpft ist. In der Bundesrepublik erwerben derzeit 37 Prozent pro Jahrgang ein Abitur oder eine andere Studienberechtigung. Im Schnitt der OECD-Staaten sind dies inzwischen 64 Prozent. Hessens Kultusministerin Karin Wolff, CDU, wandte sich allerdings gegen eine neue Debatte um mehr Abiturienten. «Wir tun uns keinen Gefallen damit», sagte die Vize-Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Wie auch Bulmahn forderte Wolff von den Hochschulen, die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren.

Das deutsche Werben im Ausland um mehr Gaststudenten zeigt offensichtlich Erfolg. In der Reihenfolge der beliebtesten Gastländer für ein Auslandsstudium ist die Bundesrepublik nach den USA und Großbritannien auf den dritten Platz aufgerückt. Zwölf Prozent aller Studenten, die sich weltweit für ein Auslandsstudium entscheiden, kommen inzwischen nach Deutschland. Die Türkei, Polen, Griechenland, Italien, Österreich, China und die Russische Föderation bilden dabei die wichtigsten Herkunftsländer.

Mit ihrem jährlichen Bildungsbericht analysiert die OECD in Paris regelmäßig die Entwicklung von Schulen, Hochschulen und Weiterbildung in den wichtigsten Industrienationen.


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