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2002-08-09 10:28:38

70 000 Studenten ohne Abschluss



Frankfurt/Main - Jedes Jahr verlassen 70 000 Studenten ihre Universität ohne Abschluss. Das bedeutet, dass jeder vierte Hochschüler sein Studium abbricht. Das geht aus einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) in Hannover hervor. Zu den Studienabbrechern zählen alle, die ihr Studium nicht beenden. Egal, ob sie in eine gut bezahlte Stelle wechseln, Taxi fahren, eine Lehre antreten oder faulenzen.

«Ich habe mein Jurastudium im siebten Semester abgebrochen und diese Entscheidung noch nie bereut», erinnert sich ein 59 Jahre alter Sport-Journalist aus Frankfurt. Er bekam gleich im Anschluss ein Volontariat angeboten und konnte so sein Hobby zum Beruf machen. Doch nicht jeder Studienabbrecher ist zufrieden mit seiner Entscheidung: «Manchmal bereue ich, dass ich mein Studium nicht durchgezogen habe», erzählt der 23 Jahre alte Christoph, «aber ich wollte die hohen Anforderungen einfach nicht mehr erfüllen.» Christoph beendete sein Mechatronik-Studium nach dem ersten Semester und macht momentan eine Ausbildung zum Fachinformatiker.

Die Motive für den Abbruch eines Studiums reichen nach Erkenntnissen der HIS-Studie von Krankheit über finanzielle Probleme bis hin zu fehlender Motivation. «Oft arbeiten Studienabbrecher nebenbei und haben die Uni schon seit mehreren Semestern nicht gesehen», sagt Michael Lewin vom Hochschulteam des Arbeitsamts Frankfurt am Main. «Wegen des Nebenjobs verlieren viele den Anschluss.»

Nach dem vorzeitigen Ende der Uni-Karriere fehlt den Betroffenen oft eine neue Zukunftsperspektive. Katharina befürchtet, in ihrer nächsten Prüfung zu scheitern. Dann stünde sie ohne Examen da: «Alles ist vorbei! Zerplatzt wie eine Seifenblase! Und nur wegen einer einzigen Prüfung!» schreibt die 26 Jahre alte Studentin in einem Internetforum. Unter «www.studienabbrecher.de» geben sich Studienabbrecher gegenseitig Tipps, wie es weitergehen kann. Neben psychologischen Ratschlägen und Trost werden dort vor allem Ratschläge für neue Ausbildungen und eine Jobvermittlung angeboten. Inzwischen bedienen sich bereits einige Personalchefs aus dieser Kontaktbörse.

Allerdings sind die Aussichten ohne jegliche Ausbildung nicht rosig, betont der Vertriebsleiter der Frankfurter Zeitarbeitsfirma Manus, Christian Freund. «Es fehlt ihnen einfach an den Grundlagen». Auch in der Computer-Branche, die händeringend nach Fachkräften sucht, «gibt es keine Möglichkeiten mehr für Leute, die ihr Studium nicht beendet haben», meint Freund.

Die hohe Quote der Studienabbrecher beschäftigt auch die Politik. Dramatisch nennt Frank Portz (FDP), Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium, die Ergebnisse der HIS-Studie: «Hierbei handelt es sich um eine Vergeudung von Ressourcen an den Hochschulen und somit auch von Steuergeldern.» Ein Student kostet den Steuerzahler rund 3 000 bis 27 000 Euro im Jahr. Ein komplettes Studium im Durchschnitt 91 000 Euro. Der Betrag hängt vom Fachbereich ab. Relativ günstig sind die Geistes- und Sozialwissenschaften, das Medizinstudium verursacht die meisten Kosten.

Dennoch soll dieser Studiengang mit festen Stundenplänen und Aufnahmebeschränkung nach Ansicht des Ministeriums als Vorbild für künftige Studienordnungen dienen. Die HIS-Studie hat nämlich ergeben, dass die Abbruchquote bei stark strukturierten Studiengängen viel geringer ist als bei Geisteswissenschaften. Doch Johann-Dieter Wörner, Präsident der Technischen Universität Darmstadt (TUD) spricht sich gegen eine flächendeckende Zulassungsbeschränkungen aus: «Ich will nicht über das weitere Leben eines jungen Menschen entscheiden.»

Gute Bildung äußert sich für Wörner nicht nur durch das Examen, sondern auch durch Verantwortung und persönlicher Entscheidungskraft. Ein Studium formt seiner Meinung nach in jedem Fall die Denkstrukturen, egal ob abgebrochen oder nicht: «Wir beobachten gerade im Bereich Informatik, dass ein erheblicher Anteil der jungen Menschen die Universität vorzeitig verlässt und direkt von der Wirtschaft eingestellt wird.»

http//:www.studienabbrecher.de


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