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2002-07-22 11:02:38

Hoffnungslosigkeit nimmt im Osten zu



Halle - In Ostdeutschland nimmt das Gefühl von Hoffnungslosigkeit wegen der dramatisch hohen Arbeitslosigkeit nach Expertenmeinung bedrohlich zu. «Viele befürchten, es gibt keinen Ausweg mehr, die Situation wird noch schlimmer als sie ist», sagte der hallesche Konflikt- und Sozialforscher Michael Chrapa.

«Das hat nichts mit Jammer-Ossi zu tun. Es gibt objektiv nicht genügend Arbeitsplätze. Offizielle Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsmaßnahmen zusammengenommen, haben rund 35 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Osten keine Arbeit», sagte der Wissenschaftler. Er leitet die Forschungsgemeinschaft für Konflikt- und Sozialstudien (FOKUS) e.V. in Halle, die auch bundesweit Studien erstellt.

Die weitläufige Meinung, Arbeitslose wollten gar nicht arbeiten, treffe nicht zu. «Das widerlegt allein die Tatsache, dass viele aus dem Osten als Pendler in den alten Bundesländern arbeiten. Außerdem gehen viele junge Leute in den Westen, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit finden», sagte Chrapa. Allein in Sachsen-Anhalt - das Bundesland hat mit 19,8 Prozent (Juni 2002) die höchste Arbeitslosigkeit in Deutschland und dies seit Jahren - liegt die Jugendarbeitslosigkeit nach Angaben des Landesarbeitsamtes bei 19,1 Prozent (Juni 2002). Rund 25 200 junge Leute im Alter von 20 bis 25 Jahren haben im Land keine Arbeit. Ein Großteil fand den Angaben zufolge keinen Arbeitsplatz nach der Ausbildung.

Die Abwanderung junger Leute bezeichnete der Wissenschaftler als «soziale Falle». Langfristig werde dies dramatische Folgen für die Gesellschaft haben. «Es ist zu befürchten, dass die neuen Länder innerhalb Deutschlands abgekoppelt werden», sagte Chrapa. «Arbeitslosigkeit empfinden viele als sozialen Absturz, nicht mehr zur Gesellschaft zu zählen, draußen zu sein», sagte er.

Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl appellierte er an die Politik, die Lage der Menschen im Osten ernst zu nehmen. Nach der Wende sei in den neuen Ländern eine Aufbruchstimmung verbreitet worden, gemischt mit der Mahnung zu Geduld wie «der Aufbau dauert länger als angenommen». Viele Wähler hätten optimistischen Reden geglaubt. Dies sei heute angesichts der Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit nicht spürbar gesunken sei, größtenteils nicht mehr der Fall.

«Die Politikverdrossenheit und das allgemeine Misstrauen ist enorm», sagte Chrapa. Studien belegten, etwa 40 Prozent der Ostdeutschen hätten das Vertrauen in die Politik verloren. «Statt Phrasen, wie wer Arbeit will, der findet auch welche, ist konsequenter Realismus nötig. Die Politiker als Handlungsträger müssen den Menschen die Lage so benennen wie sie ist», sagte Chrapa. Vertrauensverlust sei für die Gesellschaft gefährlich. Es sei wichtig, ehrlich zu sein, denn «wer einmal lügt, dem glaubt man nicht» gelte auch für die Politik.


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