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2002-06-17 10:02:41

PISA-Geheimnis gelüftet



Berlin - Die Katze ist aus dem Sack, das bestgehütete deutsche PISA-Schulgeheimnis gelüftet. Sieger und Verlierer stehen fest: Bayern mit großen Abstand ganz oben. Baden-Württemberg, Sachsen und Rheinland-Pfalz sind noch Spitze. Bremen und Sachsen-Anhalt stehen ganz tief unten.

Dazwischen liegt ein deutsches Mittelfeld, das mit seinen PISA-Werten im internationalen Vergleich der Industriestaaten auch nicht nur annähernd noch an Mittelmaß herankommt. Doch was nun?

Bayern jubelt. Das Ergebnis ist Genugtuung und Bestätigung für den 66-jährigen Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), der von 1986 bis 1998 auch für die Schulpolitik des Landes verantwortlich war und diesen Bereich dann an die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier (CSU) abgeben musste. Der PISA-Test des Jahres 2000, der jetzt für Schlagzeilen sorgt, ist keine Momentaufnahme. Er baut auf das Wissen und die Fertigkeiten der 15-Jährigen aus neun Schuljahren - und spiegelt damit die Leistungsfähigkeit der Schulpolitik eines Landes mindestens über ein ganzes Jahrzehnt wieder.

Gerade das macht nach dem gesamtdeutschen PISA-Desaster schnelle Reformen auch so schwierig. Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) nutzt die Gunst der Stunde und propagiert in der Schulpolitik das Modell «Bayern überall». Doch lässt sich das tatsächlich auf Gesamt-Deutschland übertragen? Nur 20 Prozent Abiturienten pro Altersjahrgang - wo doch der deutsche Bundeswert von 29 Prozent im internationalen Wettbewerb der Industrienationen heute schon nicht mehr ausreicht? Deutschlands Konkurrenten auf dem Weltmarkt - Japan, Schweden, Finnland, die USA oder Großbritannien - haben im Schnitt heute schon doppelt so viele Abiturienten.

Der Mangel an akademisch ausgebildeten Fachkräften wird sich für die deutsche Wirtschaft schon bald als «Wachstumsbremse» erweisen, stellten bereits im vergangenem Jahr die Bildungsminister von Bund und Ländern in einer Studie fest. Schon heute fehlen Informatiker, Ingenieure, Chemiker, Lehrer und neuerdings auch Ärzte. Folge dieser Erkenntnis: Die Ministerpräsidenten der Länder wollten bei ihrem jüngsten Treffen die von Wirtschaftsexperten hochgelobte Bildungsanalyse mit Reformvorschlägen nicht einmal debattieren.

Das PISA-Desaster gibt Kritikern am System der Länder-Schulhoheit neuen Auftrieb: Mit Bayern schafft nur ein einziges von 16 deutschen Bundesländern klar den «Aufstieg» in das obere PISA-Leistungsdrittel der OECD-Teilnehmerstaaten und rangiert mit seinem Wert in etwa bei Schweden (Platz 9) und vor Österreich (10). Wo aber das deutsche Mittelfeld oder gar die «Verlierer» wie Bremen im Ranking der OECD- Staaten einzuordnen wären - darf man eigentlich gar nicht mehr fragen.

Für Bildungsforscher steht fest: Deutschland braucht insgesamt eine Schulpolitik, die sich an bayerischen oder noch besser internationalen Spitzenwerten orientiert und zugleich bei Abitur und Fachhochschulreife mindestens Abschlussquoten wie in Nordrhein- Westfalen oder Baden-Württemberg garantiert. Ein innerdeutsches Klein-Klein, so fürchtet Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, führt nicht weiter.

Hohe Schulqualität, viele Abiturienten und beste Förderung von Kindern aus ärmeren Elternhäusern - das machen Finnland, Schweden, ja fast alle PISA-Spitzenstaaten, den Deutschen seit langem vor. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) propagiert als Ziel, dass die Bundesrepublik in zehn Jahren bei PISA mindestes unter den ersten Fünf sein muss. Eine nationale Schulreform sei unverzichtbar, wenn die deutsche Wirtschaft nicht ins Trudeln kommen soll.

Was aber tun die Länder: Die unionsgeführten werden an diesem Montag bei einem Bildungsministertreffen in Bonn erst einmal alle Hilfsangebote des Bundes in Bausch und Bogen verwerfen. Kein Ausbau von Ganztagsschulen, kein Bundesgeld für besseren Schulunterricht von Ausländerkindern. Die Union pocht weiter auf die Kulturhoheit der Länder - und nicht wenige SPD-Kultusminister täten das eigentlich auch gern mit ihnen, wenn nicht gerade Wahlkampf wäre.


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