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2002-03-11 13:10:25

Skurriles und Sachwissen in Lexikon-Häppchen



Hamburg - Das Lexikon hat sich zu einem Modehit gemausert. Während früher nur staubtrockene Faktensammlungen dieser Gattung angehörten, bringen die Verlage heute haufenweise kuriose Themen in Stichwortform. Es gibt Lexika der Vampire, Engel, Fußballnieten, Prophezeiungen und der skurrilen Todesarten.

Entweder liefern die Nachschlagewerke seichtes «Party-Wissen», wie die, dass vier von fünf Männern keine Bratkartoffeln zubereiten können («Lexikon der Irrtümer über Männer und Frauen», Eichborn Verlag), oder sie portionieren ernste Anliegen zu Themen wie Ernährung, Sex und Umweltschutz in leicht genießbare Happen und schnüren daraus ein Überraschungspaket.

«Derzeit lässt sich ein Revival der Lexikon-Form beobachten», bestätigt die Programmleiterin für Sachbücher beim Traditionsverlag Brockhaus, Gabriele Gassen, in Mannheim («Merkwürdiges, Kurioses und Schlaues»). Die Lexikon-Expertin attestiert der Darstellung von A bis Z einen «besonderen Charme». Das Ordnungsprinzip vermittle ein Bild von «Vollständigkeit und schnellem Zugriff». Der moderne Leser habe beim Fernsehgucken und im Internet das Springen von einen Punkt zum nächsten gelernt. Im Stichwörterbuch könne er, im Gegensatz zum langen Lauftext, ebenso vorgehen. Das Lexikon biete seit jeher das, was jetzt im Trend liege, die Informationsaufnahme in Häppchen.

Das sieht auch der Cheflektor des Frankfurter Eichborn Verlags, Matthias Bischoff, ähnlich. «Der Leser kann in das Buch nach Belieben ein- und aussteigen. Außerdem liegt der Reiz in der Überraschung beim Entdecken unerwarteter Begriffe», sagt er. Inhaltlich lieferten die neuen Wissenswälzer Alltagshilfe oder Stoff für «Party-Talk». Und damit lässt sich bekanntlich in der Lifestyle-Gesellschaft ähnlich gut glänzen wie mit Goethe-Zitaten.

In der Branche gilt der Eichborn Verlag mit seinem «Lexikon der populären Irrtümer», von Walter Krämer und Götz Trenkler verfasst, als ein Vorreiter des Booms. In dem viel kopierten Erfolgstitel werden verbreitete Fehleinschätzungen aus Politik, Wirtschaft und Medizin widerlegt, aber auch Alltagsmythen wie der, dass ein Abendrot schönes Wetter für den nächsten Tag verheiße. Als das Duo Krämer/Trenkler den Text Mitte der 90er Jahre vorlegte, sei es ein normales Buch gewesen. Erst der Verlag sei auf die Idee der alphabetischen Gliederung gekommen, berichtet Bischoff. «Dann rauschte das Buch auf die Bestsellerlisten.»

Inzwischen hat die Auflage inklusive der Taschenbuchausgabe im Piper Verlag (München) die Million überschritten. Und Eichborn bietet über 20 solcher Erklärtitel, so etwa das «Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge», das Abläufe bei Alkoholrausch, Furz oderVerliebtheit erläutert. Andere Verlage zogen nach, so dass die Gesamtzahl lockerer Lexika längst über 100 liegt. «Am besten laufen Autoren-Lexika. Das heißt, Werke in denen Fachkenner Thesen zu einem Thema zuspitzen und in A-bis-Z-Form gliedern», sagt Cheflektor Bischoff. Zum Beispiel das «Lexikon der populären Ernährungsirrtümer» von Udo Pollmer und Susanne Warmuth, das Dinge wie Cholesterin, Essgewohnheiten und Vitamine behandelt.

Während solche Kompendien ein breites Publikum ansprechen, zielen andere auf Spezialisten wie Film- oder Modefans («Lexikon der Filmpannen», «Lexikon der Statussymbole», Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig). Wieder andere widmen sich mehr oder weniger anspruchsvoll skurrilen, brutalen oder exotischen Phänomenen. Das «Lexikon der Knastsprache» (Lexikon Imprint Verlag, Berlin) konkurriert mit dem «Lexikon der Serienmörder» (Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin) und dem «Lexikon der Geschmacklosigkeiten» (Heyne Verlag, München), in dem es um Themen wie ekelhafte Getränke und grausame Kaiser geht.

Zwar schwankt die Qualität der Lexika enorm, dennoch wertet der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt den Boom der «kurzen Form» als Chance. «Anders als zum Beispiel in Frankreich, wo kurze Texte eine stärkere Tradition haben, gilt in der deutschen Literatur das lange Opus als besonders wertvoll», sagt der Lexikonautor («Buntes Deutsches Bestiarium. Lexikon der unvermeidlichen Mitmenschen», Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart). In Frankreich glänzten im 18. Jahrhundert viele Artikel der Enzyklopädie von Denis Diderot und Jean LeRond d´Alembert durch Präzision und Knappheit. Nun gewinne der Kurztext mit Esprit auch in Deutschland an Gewicht.

Viele der nebenberuflichen Autoren dürften den Trend zur Kürze auch ganz pragmatisch als Vorteil sehen, weil sie selbst in Häppchen arbeiten. «Da ich nachts oder früh morgens zeitlich begrenzt, aber sehr konzentriert schreibe, kommt mir die kurze, knappe Form entgegen», sagt Kaehlbrandt. Die große Erzählung dagegen verlange


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