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2002-02-06 11:27:26

Zeremonien und Rituale an deutschen Unis



Hamburg - Der Lebensabschnitt endete nüchtern. Ein Zettel oder ein Brief aus dem Sekretariat, manchmal sogar nur mit elektronischer Unterschrift: Das war an deutschen Universitäten lange Zeit oft alles, was die Studierenden zum Abschluss bekamen. Mittlerweile hat sich das geändert. Zeremonien mit Sekt, Kammermusik, feierlichen Reden und stolzen Eltern im Publikum gehören für viele Hochschulen dazu.

Wer modern sein will - im Zeitalter von Alumni- Netzwerken und Corporate Identity - scheut auch Rituale nicht, die die Zugehörigkeit zur Alma Mater zeigen. Ein Beispiel ist die deutsch-polnische Viadrina in Frankfurt (Oder): Es gibt Uni-T-Shirts, Tassen und Beutel, Absolventen bekommen eine Nadel mit dem Zeichen der Hochschule. Auf dem Uniball trägt das Präsidenten-Duo beim deutsch-polnischen Tanz sogar Tracht, und wer semesterlang an der Viadrina geschwitzt und gelernt hat, wird mit einer persönlich gestalteten Feier aus der Studienzeit entlassen. «Für die ganzen Mühen ist das der krönende Abschluss», sagt Jana Schwedler, stellvertretende Pressesprecherin.

Sogar den einst geschmähten Talaren, unter denen die rebellierenden «68-er»-Studenten «den Muff von 1000 Jahren» geortet hatten, wird anderorts vereinzelt wieder Ehre zuteil. Heute sind sie weniger düstere Gelehrtengewänder, sondern dienen als Zeichen der Weltgewandtheit für Absolventen - zumal deutsche Studenten Talare («Gowns») mittlerweile eher aus amerikanischen Collegefilmen kennen dürften als durch Proteste gegen das Establishment.

So tragen in Bochum die frisch gebackenen «Baccalaureaten», Absolventen eines Reformstudiengangs, die Umhänge samt Barett und baumelnden Quasten. Die Reaktion auf die amerikanisch wirkende Abschlussfeier sei positiv. «Die Studentengeneration ist nicht so ideologisch, sondern pragmatisch», erklärt Sprecher Josef König. Auch an der International University in Bruchsal (Baden-Württemberg) gibt man sich gediegen, mit Talar und Feier im Barockschloss.

Das US-Unternehmen Jostens, Hersteller von Talaren und anderen Accessoires, hat den deutschen Markt entdeckt. Interessiert seien die kleinen, privaten Universitäten, wo es internationale Abschlüsse gebe, berichtet der Geschäftsführer für Europa, Mike Jessop. Öfter ist das etwa 25 bis 30 Euro (etwa 48,90 bis 58,70 Mark) teure Ensemble auch bei Schülern zu sehen. 2001 hätten Absolventen an 80 Schulen und Hochschulen Jostens-Talare getragen. «Wir hoffen, dass wir das verdoppeln», sagt Jessop.

«Da entsteht eine neue Kultur», meint der Chefredakteur des Hochschulmagazins Unicum, Wolfgang Koschny. Mit der Abschlussfeier werde auch der Alumni-Gedanke, das Netzwerkknüpfen ehemaliger Absolventen, eingeleitet. «Es wird versucht, Jahrgänge zu schaffen.» Koschny, der selbst noch mit einem nüchternen Schreiben aus der Studienzeit entlassen wurde, sieht an den Feiern einen Gegenpol zum anonymen Betrieb: «Man möchte nicht einer von vielen sein.» Talare seien aber «Geschmackssache», findet er.


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