<< Zurück zur JOBBER-Startseite >>

2003-05-14 10:22:35

Immer mehr Ältere beginnen ein Studium



Leipzig/Hamburg (/gms) - Auf dem Studienplan von Christine Föhse steht die Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Während ihres Berufslebens blieb der 65-jährigen Bauingenieurin keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. Doch im Ruhestand holt sie als Gasthörerin der Universität Leipzig Versäumtes nach.

Sie gehört zu rund 35 000 älteren Menschen, die sich an etwa 50 deutschen Hochschulen weiterbilden. Im Seniorenstudium lässt es sich ohne Leistungsnachweise und Prüfungsdruck forschen.

Die Unis stellen sich immer mehr auf die Bedürfnisse älterer Arbeitsloser oder Rentner ein. Der Gasthörerstatus ermöglicht diesen, ihre Fähigkeiten und Sichtweisen in der Auseinandersetzung mit aktuellen Forschungsergebnissen neu zu entdecken und weiter zu entwickeln. Nur ein Bruchteil der Senioren setzt sich Experten zufolge dagegen den Anforderungen eines regulären Studiums aus.

Mit der Zeit haben sich drei Modelle herauskristalliert, erläutert Helmut Vogt vom Arbeitskreis Universitäre Erwachsenenbildung in Deutschland an der Uni Hamburg. Zum einen wird an Universitäten wie Hamburg oder Leipzig das traditionelle Gasthörerstudium um Senioren-Angebote erweitert.

Zudem bietet zum Beispiel die Technische Universität Berlin eine zwei Jahre lange nachberufliche und für ehrenamtliche Tätigkeiten gedachte Weiterqualifizierung an. «Unser Favorit ist zurzeit Stadtentwicklung», so Ulrike Strate von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere, die auch das Berliner Modell betreut. Weitere Schwerpunkte seien Gesundheit oder Ernährung. Zusätzlich wird das erworbene Wissen in Projekten umgesetzt.

An der Uni Ulm ist das Lernen auch virtuell möglich. Bei diesem in Deutschland einzigartigen Ansatz initiieren Senioren eigene Projekte, stellen sie ins Internet und arbeiten bundesweit mit Studiengenossen zusammen. «Forschendes Lernen ist selbst organisiertes Lernen, nicht Wiederkäuen von Bekanntem», so Ellen Salverius-Krökel vom Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm.

Die steigende Zahl studierender Senioren zeigt, dass die Modelle meist von Erfolg gekrönt sind. «Große Universitäten wie Hamburg oder Frankfurt haben inzwischen bis zu 2500 Seniorstudierende pro Semester», so Vogt. Die Mehrheit sei 60 bis 70 Jahre alt. «Wer nicht mehr im Arbeitsprozess steht, ist aus dem Weltgetriebe ausgeklinkt», begründet Christine Föhse ihr akademisches Engagement. Wie sie wollen sich viele Ältere mit Themen beschäftigen, die sie schon immer interessierten, für die aber keine Zeit war. Dabei spiele der Wunsch, die Welt im weitesten Sinne zu verstehen, eine große Rolle, sagt Vogt. Stark gefragt seien Fächer wie Geschichte oder Philosophie.

Für ein Seniorenstudium, dessen Semesterbeiträge zwischen 35 und 100 Euro liegen, braucht es weder Abitur noch Hochschulabschluss. Trotzdem besitzt rund die Hälfte der Eingeschriebenen bereits einen akademischen Grad. Klassisches Beispiel sei die pensionierte Lehrerin, sagt Vogt. «Wir stellen immer noch einen überproportional hohen Anteil von Frauen fest, etwa 80 Prozent», so Ulrike Strate.

«Seniorstudierende nehmen jungen Studenten keinen Studienplatz, nur ab und zu den Sitzplatz weg», relativiert Vogt einen gängigen Vorwurf: Oft kommen die Älteren, die an geregelte Tagesabläufe gewohnt und in der Zeitplanung freier sind, frühzeitig zur Vorlesung. Doch daraus entstehende Probleme konnten nach Vogts Erfahrung bisher immer geregelt werden.


Eine Übersicht aller News gibts hier.



<< Zurück zur JOBBER-Startseite >>