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2002-07-01 09:55:18

Stahlstichpräger - Feindruck für die High Society



Darmstadt (/gms) - Ein leichtes Streichen über die Oberfläche der Visitenkarte verrät die Druckqualität, die zarte Erhabenheit der Schrift signalisiert den unverkennbaren Stahlstich. In politischen und wirtschaftlichen Führungskreisen mag man solch feine Präsentation des Namens und der Position nicht vermissen. So bleibt das Handwerk des Stahlstichprägers bis heute gefragt.

«Die Ausbildung gibt es nur noch betriebsbezogen für Seiteneinsteiger», sagt Günther Preuß, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft grafischer Handwerksbetriebe in Darmstadt. «Stahlstichdrucker findet man nur in sehr wenigen Betrieben.» Es sind meist Familienunternehmen, die diese Drucktradition pflegen. «Der Markt ist sehr klein», erklärt Inge Becker, Inhaberin der Norddeutschen Stahlstichdruck-Werkstätten in Hamburg, die schon mehr als 100 Jahre bestehen. Wenn sie die Mitbewerber aufzählt, kommt sie auf etwa 15.

«Banken, Handelsfirmen, Reedereien und deren Vorstände legen Wert darauf, dass ihr Briefpapier und ihre Visitenkarten im Stahlstich gedruckt werden. Und außerdem gibt es eine Reihe von Privatpersonen, die diese Handarbeit bevorzugen», sagt Unternehmerin Becker, die zu den Kunden keine Angaben macht. Ganz billig ist die Exklusivität nicht. Vor dem aufwendigen Druck - Prägen genannt - muss die Druckvorlage gestochen werden. In eine kleine Stahlplatte ritzt ein Graveur spiegelverkehrt den zu druckenden Text. Die Farbe wird dann aus diesen Vertiefungen auf das Papier geprägt.

Der Stahlstich ist eng verwandt mit dem Kupferstich, den Künstler seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts fertigten. Das erste datierte Blatt stammt aus dem Jahr 1446, undatiere Drucke dürften älter sein. Ihren Höhepunkt erreichte die Technik unter Albrecht Dürer. Seine drei berühmtesten «Meisterstiche», darunter das weltbekannte Motiv «Ritter, Tod und Teufel», entstanden in den Jahren 1513 und 1514. Von Deutschland breitete sich die Methode auf andere europäische Länder aus. In England griffen Graveure dann 1819 erstmals statt Kupfer zu Stahl, um Druckern höhere Auflagen bei Wertpapieren und Buchillustrationen zu ermöglichen.

Um hohe Auflagen geht es dem Stahlstichdrucker Gerhard Becken in Hamburg nicht. Dafür müsste er in einer Offset-Druckerei arbeiten. «Da rauschen die bedruckten Seiten nur so raus.» Den Fachmann aber faszinierte der Stahlstich mit seinen Möglichkeiten. «Ich habe mich anlernen lassen», berichtet er über seine Laufbahn. Nach gut einem Jahr konnte er völlig selbstständig arbeiten.

Die Ausbildung zum Drucker setzt unter anderem absolute Farbsicherheit voraus. Sie sieht die vier Fachrichtungen Flachdruck, Hochdruck, Tiefdruck sowie Digitaldruck vor und dauert drei Jahre. Am Ende steht eine Prüfung. Nach zwei bis drei Jahren als Facharbeiter stehen Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zum Druckingenieur offen. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg weist die Zahl der Ausbildungsverträge steigende Tendenz auf. Die Bezahlung richtet sich nach dem Tarif, Spezialisten können mehr erwarten.

Becken, gelernter Drucker, schätzt bei seiner Tätigkeit die Abwechslung und die Möglichkeiten zur Handarbeit. «Jeder Auftrag ist anders, da kommt keine Routine auf.» Von einem Kunden liegt der Auftrag vor, eine edle Einladungskarte einschließlich Wappen zu fertigen. Die Druckvorlage kam gerade per Kurierdienst aus der Gravurwerkstatt. «Einfach einlegen und losdrucken, das geht nicht», sagt er und klebt vier Postkarten große Pappen mit Kaltleim übereinander. «Daraus mache ich die Matrize», erklärt Becken.

Die Matrize dient als Gegenpol zur Druckplatte. Mit einem Spezialmesser schneidet er kräftig Schriftpartien heraus. «Das muss bis auf weniger als einen Millimeter genau sein, sonst wird die Prägung nicht sauber.» Becken sagt Prägen statt Drucken; dieses Wort beschreibt das Verfahren treffender. So entsteht beim Stahlstich eine feine Erhebung, die sich vom herkömmlichen Druck unterscheidet.

Am einfachsten sind Aufträge auszuführen, bei dem nur Schrift in einer herkömmlichen Farbe gefragt sind. «Jede Farbe erfordert einen eigenen Prägevorgang, und dafür sind die entsprechend gravierten Platten notwendig», erläutert Becken. Im traditionellen Stahlstich verwendet er Lackfarben, die den feinen begehrten Glanz haben und der bei Kunststofffarben fehlt. «Dieses Briefpapier können Sie in jeden Hochleistungslaserdrucker legen.» Lackfarben brauchen allerdings längere Zeit zum Trocknen. Jedes geprägte Blatt muss dazu auf Paletten einzeln auslegt werden.

Becken spricht von «meinen Maschinen», wenn er die Druckapparate meint, die schon ein paar Jahre alt sind und dennoch wie neu aussehen. Solche speziellen Maschinen werden nicht mehr gebaut, also müssen sie vom Präger gepflegt werden. «Die Reparaturen mache ich selbst, ich habe auch die Baupläne.» Die Finger müsse man sich schmutzig machen können. Das erfordere schon der Umgang mit Farbe. «Dagegen hilft Händewaschen - etwa 30 Mal am Tag», sagt Becken.


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