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2002-04-08 09:43:53

Betriebsräte in der New Economy



Hamburg (/gms) - «Wir malochen bis zum Umfallen und feiern bis zum Abwinken.» So scholl es einst aus den Büros der New Economy. Doch seit der Pleitegeier über den Internet- und Technologiefirmen kreist, hat die Spaß-Gesellschaft wieder Lust auf gewerkschaftliche Ordnung. Dabei sind manche Fachleute überzeugt, dass New Economy und Betriebsrat kein gutes Paar abgeben.

«Die New Economy stellt einfach besondere unternehmerische Anforderungen», sagt etwa Doris-Maria Schuster von der Niederlassung der Kanzlei Gleiss Lutz Hootz Hirsch in Stuttgart. Ein Betriebsrat könne diese dynamischen Firmen in ihrer Beweglichkeit hemmen und Entscheidungsprozesse verzögern.

So argumentieren auch viele Firmenchefs. Und bis vor kurzem folgten darin auch fast alle Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber. So gab es nach Angaben der Deutschen Börse AG in Frankfurt im Jahr 2000 nur in acht von 50 Unternehmen des Nemax 50 eine Arbeitnehmervertretung. Doch damals florierten die Geschäfte auch noch. Überstunden gehörten dazu: Der engagierte Nachwuchs blieb freiwillig.

Mittlerweile spaltet das gewerkschaftliche Engagement viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber in zwei weitgehend verfeindete Gruppen. Verwundert es da, dass «viele Kündigungen in der New Economy im unmittelbaren Zusammenhang mit anstehenden Betriebsratsgründungen standen», wie sich Wille Barz erinnert, Projektleiter der zu Verdi gehörenden Mediengewerkschaft Connexx.av in Hamburg.

Nach ersten Widerständen wurde bei Pixelpark in Berlin als einer der ersten Multimedia-Firmen eine Arbeitnehmervertretung eingerichtet, gerade rechtzeitig vor den - schließlich doch unvermeidbaren - Entlassungen. Der Multimedia-Dienstleister I-D-Media, ebenfalls in Berlin, schloss seine 100-Mann-starke Dependance in Hamburg im Juli 2001 just, als sich ein Betriebsrat zu formieren drohte.

Forciert worden ist dieser «Klassenkampf» auch von manchen Firmenchefs selbst. Als die Regeln der traditionellen Wirtschaft die New Economy einholten, entpuppten sich viele der gefeierten «Köpfe der New Economy» als mit der Personalführung überfordert. Mancher Chef entließ seine Mitarbeiter mit «Leute, ihr seid entlassen» per E-Mail. Ein Betriebsrat, der Kündigungen zustimmen muss, hätte zumindest gegen die Form protestiert.

«Ohne Betriebsrat befinden sich Mitarbeiter in einem ungeschützten Raum», stellt Wille Barz fest. Stehen Entlassungen an, kann eine Schnellgründung zumindest die Willkür bei der Auswahl der «Opfer» verhindern. «Unter bestimmten Voraussetzungen kann ein Betriebsrat in 14 Tagen aufgestellt sein», sagt Barz. Im Zusammenhang mit Kündigungen muss ein Sozialplan aufgestellt werden. Ältere Mitarbeiter, die Familie haben, genießen dabei besonderen Schutz - junge und noch ledige High Potentials haben das Nachsehen.

«Kaum ein Unternehmen kann es sich aber leisten, viel versprechenden Nachwuchs auf die Straße zu setzen», sagt der Arbeitsrechtler Sebastian Lemmnitz aus Hürth bei Köln. Viele Firmen erkaufen sich die Freiheit, die Mitarbeiter ihrer eigenen Wahl behalten zu dürfen, deshalb mit Abfindungen.

Gleichwohl lassen sich Abfindungen auch ohne Betriebsrat aushandeln. «Je dringender der Wunsch, den Arbeitnehmer loszuwerden, und je schwächer der Kündigungsgrund, desto größer der Verhandlungsspielraum», fasst Lemmnitz seine Erfahrungen zusammen.


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