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2001-08-20 12:11:37

In Ulm studieren Senioren anders



Seniorstudierende müssen sich in Ulm nicht an die Vorlesungszeiten halten. Sie nehmen auch jüngeren Hochschülern keinen Studienplatz weg. "Nach einer Umfrage unter über 50-Jährigen haben wir beschlossen, für diese Gruppe kompakte Jahreszeitakademien anzubieten", sagt Carmen Stadelhofer, Leiterin des wissenschaftlichen Sekretariats des Zentrums für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm (ZAWiW).

Im September wird die 20. Akademie nach dem Ulmer Modell angeboten. Eine Woche lang werden sich rund 700 Senioren in den Bereichen Medizin, Natur-, Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie Informatik weiterbilden.

Ziel der Jahresakademie ist nach den Worten Stadelhofers, dass die Senioren wissenschaftlich fundierte Informationen erhalten, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Dies sei gerade in Bereichen wie den Neuen Medien oder der Gendebatte sehr wichtig. "Das ZAWiW erfreut sich heute einer hohen Akzeptanz. Die Professoren haben selten so ein aufmerksames, interessiertes und kritisch fragendes Publikum", schwärmt Stadelhofer von den Studenten über 50.

Als wichtigstes Kriterium für den Erfolg sieht sie das Miteinander zwischen Professoren und Studenten. "Die Seniorstudierenden werden an anderen Hochschulen wie normale Schüler unterrichtet. Wir nutzen ihre Erfahrungen als Chance, durch den Wissenaustausch mehr zu erreichen. Unser Motto lautet von der Rezeption zur Aktion." Dabei seien die Jahreszeitakademien nur ein Portal für weitere Aktivitäten. Oft bilden sich dort Arbeitsgruppen, die noch Jahre nach der Akademiewoche auf ihren Gebieten weiter forschen. Derzeit studieren rund 130 Senioren in 19 verschiedenen Gruppen.

"Ich bin zum ZAWiW gekommen, weil ich Interesse am Internet hatte", berichtet die 60 Jahre alte Studentin Helga Schlichting. Als sie zum ersten Mal an der Jahreszeitakademie teilnahm, hätten da Menschen in ihrem Alter gesessen, die sich über eine Videokonferenz mit anderen unterhielten. "Ich war in einer neuen Welt", beschreibt sie ihren Eindruck. Nach der Akademiewoche sei sie in den Arbeitskreis "Senioren und Internet" gerutscht. Inzwischen recherchiert und kommuniziert Schlichting im Internet und schreibt im Internet-Forum "www.gemeinsamlernen.de" Buchbesprechungen. Das Forum, an dem Gruppen aus ganz Deutschland teilnehmen, ist eine Kooperation zwischen dem ZAWiW und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur in Heidelberg.

Eine besondere Erfahrung hat der 72 Jahre alte Horst Häser beim Zeitzeugenprojekt "Jung und Alt" gemacht. "Wir Älteren haben online mit Schulklassen aus Freiburg und Ulm über Ingeborg Drewitz´ Roman "Gestern war heute" diskutiert", erzählt Häser. Der Roman, der in Baden-Württemberg Pflichtlektüre für Deutsch-Abiturienten ist, spielt zwischen 1923 und den 70er Jahren. "Die Schüler verstehen weite Teile des Romans nicht, weil sie die sozialen Gegebenheiten der jeweiligen Epochen nicht kennen. Wir haben mit Berichten aus unserer Erfahrung geholfen, dass die 18-Jährigen den Roman besser verstehen", sagt Häser.

An dem Projekt habe ihm besonders die Vertrautheit der Schüler "mit uns" gefallen, erklärt der 72-Jährige. Die Seniorengruppe hätte die Frage "Können wir Sie mit Du ansprechen?" mit "ja" beantwortet. "Danach diskutierten sie mit uns besser als mit ihren Eltern oder Großeltern", glaubt Häser. Bei seinem Engagement im ZAWiW ist ihm vor allem der Kontakt zu anderen älteren, aber auch zu jüngeren Menschen wichtig: "Wir ändern das Altersbild der jungen Menschen", hofft er.

In der eigenen Familie sei ihm das auch gelungen. Er habe seinen acht und neun Jahre alten Enkeln gezeigt, was "Net-Meeting" ist. Sie seien begeistert gewesen, den Gesprächspartner aus einer anderen Stadt am Bildschirm sehen zu können. "Ich glaube, die Achtung der Enkelkinder vor ihrem Opa ist Kilometer weit in die Höhe gestiegen", sagt der Seniorstudent stolz.

(Internet: Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm: http://www.zawiw.de)


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